Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen

Fragestellung: Wie gut schützt Rosuvastatin (Crestor®) 10 mg/d vor kardiovaskulären Ereignissen bei Patienten mit mittlerem kardiovaskulärem Risiko?

statine

Hintergrund: Frühere Studien haben sich ausführlich mit der Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse durch Statine bei bereits kardiovaskulär Erkrankten (Sekundär­prävention) beschäftigt. Die HOPE ­3-Studie untersuchte nun die Rolle der LDL-Cholesterin­­sen­kung bei Patienten ohne kardiovaskuläre Erkrankung (Primärprävention).

Patienten und Methodik: Die HOPE 3 (Heart Outcomes Prevention Evaluation) ist eine doppelverblindete, randomisierte, placebokontrollierte Studie mit 228 teilnehmenden Zentren in 21 Ländern auf sechs Kontinenten. Eingeschlossen wurden Frauen ab dem 65. und Männer ab dem 55. Lebensjahr ohne kardiovaskuläre Erkrankung, jedoch mit einem mittleren Risiko («intermediate risk») – definiert als ca. 1% pro Jahr – für ein schweres kardiovaskuläres Ereignis. Hierfür musste mindestens einer der folgenden Risikofaktoren vorliegen: Erhöhte Waist-to-Hip-Ratio, niedriger HDL-Cholesterinspiegel, anhaltender oder in den Jahren zuvor sistierter Nikotinkonsum, Dysglykämie, beginnende Nierenfunktionsstörung oder positive Familienanamnese für koronare Herzkrankheiten. Zusätzlich wurden Frauen ab dem 60. Lebensjahr mit mindestens zwei Risikofaktoren eingeschlossen. Die eine Gruppe erhielt Rosuvastatin 10 mg/d (n=6361), die andere Placebo (n=6344) über eine mittlere Beobachtungsdauer von 5,6 Jahren.

Ergebnisse: Der erste co-primäre Endpunkt (Hirn-/Herzinfarkt oder Tod durch kardiovaskuläres Ereignis) ereignete sich in der Rosuvastatin-Gruppe bei 235 Teilnehmern (3,7%), in der Placebo-Gruppe bei 304 (4,8%). Die Hazard Ratio lag damit bei 0,76 (KI 0,64–0,91), der p-Wert bei 0,002 und die Number ­Needed to Treat (NNT) bei 91 Patienten. In der Rosuvastatin-Gruppe traten weniger ischämische (41 vs. 77), jedoch etwas mehr hämorrhagische Hirninfarkte (11 vs. 8) als in der Placebo-Gruppe auf. 367 Teilnehmer (5,8%) unter Rosuvastatin gaben Muskelschmerzen oder -schwäche an, unter Placebo waren es 296 (4,7%); p=0,005. Weitere Angaben zu Nebenwirkungen sind in der Studienpublikation zu finden. Bei einem mittleren LDL-Cholesterinwert von 3,31 mmol/l zu Beginn zeigte sich am Ende der Studie insgesamt eine mittlere Differenz von 0,90 mmol/l (26,5%; p<0,001) zwischen der Rosuvastatin- und der Placebo-Gruppe.

Schlussfolgerungen der Autoren: Bei täglicher Einnahme von 10 mg Rosuvastatin resultiert (verglichen mit Placebo) ein signifikant niedrigeres Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse in einer ethnisch vielfältigen, «intermediate-risk»-Population ohne kardiovaskuläre Erkrankungen.

Kommentar: Einerseits liefert uns die HOPE ­3-Studie aus therapeutischer Sicht interessante Resultate zu einer wirksamen Primärprävention kardiovaskulärer Ereignisse. Aufgrund der hohen Prävalenz und der daraus resultierenden finanziellen Belastung des Gesundheitssystems hat die Prävention einen grossen Stellenwert. Jedoch wird durch Statine ein Risiko medikamentös gesenkt, das durch oft beeinflussbare Faktoren entstanden ist und aufrechterhalten wird. Empfehlungen zu gesunder Ernährung, Anstreben von Normalgewicht, Nikotinabstinenz, körperlicher Aktivität und Vermeiden von Alkoholüberkonsum erscheinen gegenüber einer «Pille» banal und vernachlässigbar. Die primärpräventive Wirkung von Lebensstil-Modifikationen wurde jedoch in guten Studien mehrfach untersucht und zeigte eindrückliche Reduktionen des Hirninfarkt-Risikos von 30–80%, abhängig von der Art und Anzahl optimierter Faktoren. Demnach muss die Empfehlung primär in diese Richtung gehen, wobei eine zusätzliche Cholesterinsenkung als wirksame primärprophylaktische Massnahme ebenfalls immer zu bedenken ist.

InFo NEUROLOGIE & PSYCHIATRIE 2016; 14(4): 33